Brasiliens KI-Ambition: Autonomie um jeden Preis?
Brasilien macht schnelle Fortschritte im Bereich der KI und balanciert dabei digitale Souveränität, Innovation, Überwachungsrisiken, Voreingenommenheit und soziale Ungleichheit aus.
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Wenn ich an Brasilien denke, kommen mir zwei Bilder in den Sinn: das dichte Blätterdach des Amazonas-Regenwaldes und die pulsierenden Straßen von São Paulo, wo Innovation und soziale Spannungen täglich aufeinandertreffen. Genau hier nimmt ein Land Gestalt an, das sich nicht mehr auf importierte Technologien verlassen will, sondern seinen eigenen Weg in der künstlichen Intelligenz sucht.
Brasilien steht vor der Herausforderung, technologischen Fortschritt mit demokratischen Werten in Einklang zu bringen. In São Paulo versprechen Systeme zur Gesichtserkennung mehr Sicherheit, stoßen jedoch auf Kritik. Im Amazonasgebiet hilft KI, den Wald zu schützen. Eine Nation im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Fortschritt, die nun ihre eigene KI-Strategie formuliert. Wie weit ist Brasilien wirklich und was können andere Länder davon lernen?
In São Paulo nutzt ein Netzwerk von 25.000 Kameras täglich Gesichtserkennung, um gesuchte Kriminelle zu identifizieren, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Im Amazonasgebiet analysieren KI-Systeme Satellitenbilder, um illegale Abholzungen vorherzusagen, noch bevor die Kettensägen anlaufen. So beeindruckend diese Beispiele auch klingen, sie werfen wichtige Fragen auf. Wie weit ist Brasilien im Bereich der künstlichen Intelligenz tatsächlich fortgeschritten, und was können andere Länder von dieser aufstrebenden KI-Nation lernen? Die Geschichte ist geprägt von Chancen und Risiken – von ehrgeizigen nationalen Strategien und boomenden Start-ups bis hin zu Datenschutz und digitaler Ungleichheit.
Schnappschuss
Bevölkerung: rund 213,4 Millionen (2025)
BIP: ca. 2,2 Billionen USD (größte Volkswirtschaft in Lateinamerika)
F&E-Ausgaben: etwa 1,19 % des BIP (verhältnismäßig niedrig)
Internetdurchdringung: ca. 88 % der Bürger nutzen das Internet (2023)
Wichtige Institutionen: Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Innovation (MCTI); Nationale Datenschutzbehörde (ANPD)
Nationale KI-Strategie: Estrategia Brasileira de Inteligência Artificial (EBIA, 2021), im Jahr 2024 aktualisiert als IA para o Bem de Todos („KI zum Wohl aller“)
Bemerkenswertes KI-Start-up: Unico (São Paulo), ein Einhorn für digitale Identitäten mit einem Wert von über 1 Milliarde USD und rund 800 Unternehmenskunden
Brasilien, die größte Demokratie auf der südlichen Hemisphäre, stieg spät in das KI-Rennen ein, holt nun aber rasant auf. Das Land stellte 2021 seine erste KI-Strategie (EBIA) vor, allerdings ohne festgelegtes Budget oder konkreten Fahrplan. Jahrelang blieben die Investitionen in die Forschung mit knapp über 1 % des BIP niedrig, während Bildungslücken und soziale Ungleichheit den technologischen Fortschritt bremsten.
Dennoch verfügt Brasilien über bemerkenswerte Stärken. Es besitzt eine lebendige Tech-Gemeinschaft, liegt bei Open-Data-Initiativen über dem OECD-Durchschnitt und hat mit dem Marco Civil im Jahr 2014 frühzeitig Internetrechte verankert. Die aktuelle Regierung unter Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva will auf diesem Fundament aufbauen. Nach Jahren politischer Turbulenzen soll KI nun Entwicklung und Inklusion vorantreiben. „Made in Brazil“ statt importiert. Vom Ausgang dieser Aufholjagd hängt viel ab – nicht nur für Brasilien selbst, sondern auch als potenzieller Wegweiser für andere Schwellenländer.
Vom Nachfolger zum Gestalter: Brasiliens KI-Regulierung nimmt Form an
Wer bestimmt die Regeln? Federführend ist das Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Innovation (MCTI), unterstützt von einer neu aktiven Datenschutzbehörde (ANPD) und einem Netzwerk wissenschaftlicher Beiräte. Im Juli 2024 stellte die Regierung eine umfassende nationale KI-Strategie vor. Unter dem Motto „KI zum Wohl aller“ plant Brasilien, bis 2028 rund 23 Milliarden Reais (etwa 4 Milliarden USD) in nachhaltige, gemeinnützige KI-Projekte zu investieren.
Der Plan, der von Experten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft entwickelt wurde, konzentriert sich auf digitale Souveränität. „Warum sollten wir auf KI aus China oder den USA warten, anstatt unsere eigene zu bauen?“, erklärte Präsident Lula bei der Vorstellung der Initiative. Das Programm umfasst 54 Sofortmaßnahmen in Bereichen von Bildung und Gesundheit bis hin zum Umweltschutz.
Brasilien will Innovation fördern und gleichzeitig die Regulierung stärken. Dem Vorbild der EU folgend arbeitet das Land an einem eigenen KI-Gesetz, das Systeme nach Risikostufen klassifiziert. Der Gesetzentwurf (PL 2338/2023) wurde im Dezember 2024 vom Senat verabschiedet und liegt nun dem Unterhaus vor. Er sieht Transparenzanforderungen, einen KI-Ombudsmann und hohe Geldstrafen bei Missbrauch von bis zu 50 Millionen Reais vor.
Doch über die Details wird noch gestritten. Industrieverbände warnen vor Überregulierung, während Bürgerrechtler Mindestschutzmaßnahmen fordern. Eines der umstrittensten Konzepte ist das Prinzip der „Informationsintegrität“, das von KI-Systemen verlangt, nur verlässliche Inhalte zu verbreiten. Tech-Unternehmen sehen darin eine potenzielle Zensur, während Regierungsvertreter argumentieren, dass dies vertrauenswürdige KI schafft. „Das Konzept ist neu und umstritten“, sagt Rafael Zanatta von der NGO Data Privacy Brasil, „aber Brasilien möchte hier einen Maßstab setzen.“
Es bleibt abzuwarten, wann das Gesetz verabschiedet wird und wie streng es ausfallen wird, aber Behörden wie die ANPD positionieren sich bereits als Hüter der Ethik und Privatsphäre im Zeitalter der KI. Brasilien zeigt, dass Governance im Bereich der künstlichen Intelligenz selbst im Globalen Süden aktiv gestaltet werden kann, wenn Regierung und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Lulas Ziel ist ehrgeizig: Brasilien zu einer führenden Stimme des Globalen Südens bei der Gestaltung der weltweiten KI-Regulierung zu machen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Land dieses Versprechen einlösen kann.
São Paulo an der Spitze: Brasiliens Start-ups treiben den KI-Boom an
Trotz (oder vielleicht gerade wegen) einiger Verzögerungen bei offiziellen Strategiepapieren boomt Brasiliens KI-Ökosystem bereits. São Paulo hat sich zum Epizentrum des Tech-Aufschwungs in Lateinamerika entwickelt. 83 Prozent der brasilianischen Einhörner haben hier ihren Sitz. Von den rund 500 KI-Start-ups in Lateinamerika befindet sich die große Mehrheit in Brasilien und hat rund 2 Milliarden Reais an Investitionen angezogen. Nach einer Abschwächung zwischen 2020 und 2022 fließt seit 2024 wieder Risikokapital ins Land. Das Vertrauen kehrt zurück. Ein Paradebeispiel ist Unico, ein in São Paulo ansässiges Start-up, das auf biometrische Identitätsprüfung spezialisiert ist. Es sammelte in den Jahren 2023–24 mehr als 338 Millionen USD ein und stieg in die Riege der Einhörner auf. Mit seinen KI-gestützten Lösungen zur Betrugsprävention und Gesichtserkennung, die von über 800 Unternehmenskunden genutzt werden, zeigt Unico, dass brasilianische Firmen global konkurrieren können.
Auch der Staat kurbelt den Markt an. Im Jahr 2024 startete die Regierung ein ehrgeiziges Halbleiterprogramm namens Brasil Semicon, um die lokale Chipproduktion zu fördern. Derzeit deckt Brasilien nur etwa 8 Prozent seines inländischen Chipbedarfs. Parallel dazu treibt das Land den 5G-Ausbau voran und erforscht neue Technologien wie Open RAN, um die Konnektivität in abgelegenen Regionen zu verbessern.
Globale Tech-Riesen sind bereits darauf aufmerksam geworden. IBM betreibt seit 2020 gemeinsam mit der Universität von São Paulo das Center for Artificial Intelligence (C4AI), das fortschrittliche KI-Anwendungen von der medizinischen Bildgebung bis zur Verarbeitung der portugiesischen Sprache entwickelt. Nvidia sieht Brasilien als zukünftigen KI-Hub und unterstützt Start-ups sowie Supercomputing-Projekte. Der Supercomputer Santos Dumont wurde 2023 mit Nvidia-Technologie aufgerüstet, um das Training von KI-Modellen zu beschleunigen. Cloud-Anbieter wie AWS, Google und OpenAI haben ebenfalls regionale Rechenzentren eingerichtet, was lokalen Unternehmen einen schnelleren Zugang zu KI-Diensten ermöglicht.
In Sektoren wie der Landwirtschaft und der Energiebranche verfügt Brasilien über spezifische Vorteile. Als Agrarmacht investiert das Land stark in AgriTech, von KI-basierter Ertragsvorhersage bis hin zu optimiertem Viehfutter. Im Energiesektor wird KI eingesetzt, um Wasserkraftwerke und Stromnetze effizienter zu machen. Gleichzeitig baut das Land kontinuierlich seinen eigenen KI-Talentpool auf. Universitäten wie die USP und die UNICAMP bieten mittlerweile KI-Studiengänge an, und Initiativen wie Ciência Sem Fronteiras („Wissenschaft ohne Grenzen“) haben eine Generation technikaffiner Fachkräfte hervorgebracht, von denen viele heute Start-ups gründen.
Der Markt ist in Bewegung. Brasilien will sich nicht mehr nur auf Rohstoff- und Agrarexporte verlassen. Es strebt danach, durch KI-gestützte Wertschöpfung in die oberste Liga aufzusteigen. Der weitere Weg hängt von einer stärkeren Infrastruktur, nachhaltigen Investitionen und der klugen Nutzung lokaler Ressourcen ab – von einer riesigen portugiesischsprachigen Datenbasis bis hin zum dringenden Bedarf an KI-Lösungen in Megastädten und für den Schutz des Regenwaldes.
KI mit Bodenhaftung: Reale Lösungen für Brasilien
Brasiliens KI-Anwendungen sind so vielfältig wie das Land selbst. Nehmen wir den Regenwald: Im Amazonasgebiet wird KI eingesetzt, um die „Grüne Lunge der Erde“ zu schützen. Die brasilianische Umweltorganisation Imazon hat eine Plattform namens PrevisIA entwickelt, die mithilfe von maschinellem Lernen riesige Mengen an Satellitendaten verarbeitet. Ihre Besonderheit ist die Vorhersage. Das System prognostiziert, wo illegale Abholzungen als Nächstes am wahrscheinlichsten sind. Diese Früherkennung ist ein echter Meilenstein, der es den Behörden ermöglicht, einzugreifen, bevor die Kettensägen überhaupt anlaufen. „Früher konnten wir erst reagieren, wenn der Wald bereits weg war“, sagt Imazon-Forscher Carlos Souza. „Indem wir Risikozonen im Voraus identifizieren, können wir die Abholzung nun tatsächlich verhindern.“ Erste Ergebnisse sind vielversprechend und könnten die Waldüberwachung grundlegend verändern.
Tausende Kilometer südlich, in den Gerichtssälen von São Paulo und Brasília, hilft KI, die Last der Bürokratie zu mindern. Mit mehr als 70 Millionen anhängigen Verfahren hat Brasilien eines der am stärksten überlasteten Justizsysteme der Welt. Um diese Fallzahl zu bewältigen, experimentieren Gerichte mit KI-Unterstützung: Roboter-Richter filtern Routinefälle, Chatbots beantworten Bürgeranfragen und Algorithmen helfen, dringende Verfahren zu priorisieren. Mehr als 140 KI-Pilotprojekte laufen bereits im ganzen Land. Dabei hat sich ein ironischer Nebeneffekt gezeigt: Mit Tools wie ChatGPT reichen einige Anwälte mittlerweile KI-generierte Schriftsätze ein, was den Stapel vorübergehend vergrößert. Dennoch hoffen die Verantwortlichen, dass die Automatisierung den Rückstau letztendlich abbauen und den Zugang der Öffentlichkeit zur Justiz verbessern wird.
KI hält auch Einzug in den Alltag. In São Paulo haben Krankenhäuser begonnen, virtuelle Warteschlangen zu testen: Patienten registrieren sich über eine App, und ein KI-System plant dynamisch die Reihenfolge der Termine, wodurch die Wartezeiten erheblich verkürzt werden. Gleichzeitig nutzen Krankenhäuser KI, um radiologische Bilder zu analysieren und Ärzte bei Diagnosen wie der Erkennung von Tuberkulose auf Röntgenbildern zu unterstützen. Ein echter Vorteil in ländlichen Gebieten mit Ärztemangel. Im Bildungsbereich unterstützt adaptive Lernsoftware die Lehrkräfte und hilft Schülern individuell. Im Bundesstaat Ceará werden KI-Tools eingesetzt, um gefährdete Schüler zu identifizieren und Schulabbrüche zu verhindern – mit ermutigenden Ergebnissen.
Und schließlich ist da noch Fintech. Brasiliens digitale Bankenrevolution, angeführt von Unternehmen wie Nubank, stützt sich auf KI-Algorithmen, um die Kreditwürdigkeit zu prüfen und Millionen von bisher „unsichtbaren“ Bürgern Finanzdienstleistungen anzubieten. Diese Beispiele zeigen, dass KI in Brasilien keine ferne Vision ist, sondern alltägliche Realität auf Bauernhöfen, in Wäldern, in Büros und in Apps. Oft wird sie eingesetzt, um ganz spezifisch brasilianische Probleme zu lösen – von der Tropenmedizin bis hin zum Verkehrsmanagement im Chaos der 21-Millionen-Metropole São Paulo. Dieser pragmatische Ansatz könnte durchaus als Inspiration für andere dienen.
Wenn Technologie die Ungleichheit verstärkt
Wo es Chancen gibt, gibt es auch Risiken, und Brasilien ist ein Paradebeispiel für das Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Privatsphäre und Gleichheit.
Datenschutz und Überwachung:
Städte wie São Paulo und Rio de Janeiro betreiben bereits im großen Stil KI-gestützte Videoüberwachungssysteme. Das Projekt „Smart Sampa“ in São Paulo beispielsweise vernetzt rund 25.000 Kameras mit einer Gesichtserkennungssoftware, die Gesichter automatisch mit Polizeidatenbanken abgleicht. Behördenvertreter berichten stolz von den Ergebnissen: Mehr als 1.000 gesuchte Verdächtige wurden innerhalb von sechs Monaten identifiziert. Doch die Kehrseite alarmiert Aktivisten. „Big Brother“ ist keine Fiktion mehr, wenn mehr als ein Drittel der Bevölkerung – über 70 Millionen Menschen – unter biometrischer Überwachung stehen könnte.
Die Fehlerraten dieser Systeme sind ungleich verteilt. Studien zeigen, dass Gesichtserkennungstechnologien bei People of Color deutlich mehr Fehlalarme erzeugen. In einem Fall lag die Fehlerquote bei Schwarzen Frauen bei 34 Prozent, verglichen mit weniger als 1 Prozent bei weißen Männern. Die Folgen sind real. Im Jahr 2023 wurde in Bahia ein unschuldiger Afrobrasilianer verhaftet und verbrachte 26 Tage im Gefängnis, nachdem ihn ein KI-System fälschlicherweise als Verdächtigen identifiziert hatte – ein Fall, der landesweit Schlagzeilen machte.
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International sowie lokale NGOs wie das Instituto Sou da Paz und Data Privacy Brasil haben ein Moratorium für Gesichtserkennung im öffentlichen Raum gefordert. Die Debatte spiegelt jene in Europa wider: Wie viel Überwachung ist im Namen der öffentlichen Sicherheit akzeptabel, bevor sie Grundrechte verletzt? Brasiliens Datenschutzgesetz von 2018 (LGPD) bietet bereits einen ähnlichen Schutz wie die DSGVO der EU, allerdings gibt es keine spezifischen Regeln für KI-gestützte Polizeitechnologien. Das Land befindet sich hier weiterhin in einer Grauzone.
Voreingenommenheit und die digitale Kluft:
Eine weitere Herausforderung sind Fairness und Voreingenommenheit (Bias) in der KI. Die meisten Trainingsdaten, die in den Systemen Brasiliens verwendet werden, stammen aus dem Ausland, oft nicht einmal aus portugiesischsprachigen Quellen. Aktivisten warnen vor einem „algorithmischen Kolonialismus“: Wenn KI-Systeme, die Kredite bewilligen oder Stellenbewerber bewerten, auf voreingenommenen ausländischen Daten basieren, können marginalisierte Gruppen diskriminiert werden. Die Regierung betont, man werde „keine diskriminierende KI importieren“ und hat Ethik-Leitlinien auf Basis von UNESCO-Empfehlungen eingeführt, deren Umsetzung jedoch noch unklar ist.
Auch die digitale Kluft besteht fort. Während in städtischen Gebieten mehr als 89 Prozent der Menschen online sind, sinkt dieser Wert in ländlichen Regionen auf rund 76 Prozent. Ähnliche Lücken zeigen sich beim Bildungsstand und beim Einkommen. Das Risiko ist offensichtlich: KI könnte bestehende Ungleichheiten vertiefen, wenn nur die Gutgebildeten vom neuen Tech-Boom profitieren. Zivilgesellschaftliche Gruppen wehren sich und fordern Transparenz sowie Teilhabe. In einigen Städten hat ihr Druck bereits zu vorübergehenden Stopps von Gesichtserkennungsprogrammen geführt, bis neue Gesetze in Kraft treten.
Arbeit und Bildung:
Bis 2030 könnten schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Arbeitsplätze in Brasilien von der Automatisierung betroffen sein, insbesondere im Kundenservice, in der Fertigung und sogar in der öffentlichen Verwaltung. Gewerkschaften fordern Umschulungsprogramme, um sicherzustellen, dass „KI nicht zum Jobkiller für die Mittelschicht wird“. Erste Initiativen wie AI Upgrade, ein staatlich gefördertes Weiterbildungsprogramm, sind bereits angelaufen.
Dennoch bleibt die Verunsicherung groß. Brasilien hat bereits frühere Technologiewellen erlebt, die nur wenige Gewinner und viele Verlierer hervorbrachten. Dieses Mal soll das Ziel ein anderes sein. Die zentrale Frage ist, ob Brasilien KI nutzen kann, um sowohl Sicherheit als auch Fortschritt voranzutreiben, ohne dabei Privatsphäre und Rechte zu opfern. Die nächsten Schritte – von der Verabschiedung des KI-Gesetzes bis hin zum Einsatz dieser Systeme in Schulen, Gerichten und Favela-Gemeinschaften – werden die Antwort liefern.
Worauf zu achten ist
KI-Gesetz vor der Verabschiedung: Im Jahr 2025 wird das brasilianische Unterhaus über das erste KI-Gesetz des Landes abstimmen. Beobachter fragen sich, ob das Parlament den ehrgeizigen Entwurf abschwächen oder neue globale Standards setzen wird.
Investitionen und Umsetzung: Der mit 4 Milliarden Reais dotierte Plan „KI für alle“ geht in seine entscheidende Phase. Erste Projekte – von universitären KI-Laboren bis hin zu Pilotprogrammen in Schulen, der öffentlichen Verwaltung und Start-ups – laufen an. Die Schlüsselfrage ist, ob Brasilien seine geplanten Mittel von 23 Milliarden Reais effektiv einsetzen kann.
KI für das Klima und auf der Weltbühne: Ende 2025 wird Brasilien die UN-Klimakonferenz (COP30) in Belém, tief im Amazonasgebiet, ausrichten. Das Land möchte präsentieren, wie KI den Umweltschutz unterstützen kann, beispielsweise durch die Überwachung illegaler Abholzungen. Gleichzeitig positioniert sich Brasilien als führende Stimme des Globalen Südens bei der KI-Regulierung in internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen. Die Welt schaut genau hin, ob aus diesen Ambitionen Taten werden.
Erkenntnisse aus Brasiliens KI-Geschichte
Brasiliens Weg in der künstlichen Intelligenz hält zwei wesentliche Lehren bereit.
Erstens: Ehrgeizige nationale Strategien sind für Schwellenländer möglich und notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Brasilien zeigt, dass eine Regierung mit politischem Willen und der Expertise von Fachleuten eine klare Vision entwickeln kann, in der KI zu einem Motor für inklusives Wachstum und digitale Souveränität wird. Andere Länder können davon lernen und ihre eigenen Stärken definieren, anstatt fertige Lösungen zu importieren.
Zweitens: Regulierung und Innovation müssen Hand in Hand gehen. Die Brasilianer stellen fest, dass Überwachungssysteme und automatisierte Entscheidungen an Vertrauen verlieren, wenn es an Schutzmechanismen fehlt. Das Land arbeitet daher daran, KI zu fördern und gleichzeitig ihre Rechenschaftspflicht einzufordern – eine Balance, die überall von Bedeutung ist.
Brasilien beweist auch, dass KI nicht den Industrienationen vorbehalten ist. Eine vielfältige Demokratie mit sozialen Herausforderungen kann dennoch relevante und kreative Lösungen hervorbringen – von den Favelas bis hin zu den Forschungslaboren. Die wesentliche Lektion für andere ist simpel: KI-Politik sollte den Menschen im Mittelpunkt behalten, mit dem Mut zum Handeln und der Ehrlichkeit, sich den Risiken zu stellen. Brasilien geht diesen schmalen Grat, und die Welt schaut zu.
Wenn ich auf die vorherigen Kapitel unserer Reihe KI weltweit zurückblicke, fühlt sich Brasilien wie das fehlende Puzzleteil an. In Südkorea dominieren Präzision und Struktur – ein Land, das KI in Industriepolitik verwandelt hat. In Saudi-Arabien steht das Geld im Mittelpunkt, mit KI als Symbol für Macht, Fortschritt und Kontrolle. Kanada versucht immer noch herauszufinden, wie sich akademische Exzellenz in wirtschaftlichen Erfolg ummünzen lässt. Neuseeland zeigt, dass Werte und Vertrauen zu echten Wettbewerbsvorteilen werden können. Und Kenia beweist, dass Innovation selbst dort florieren kann, wo die Infrastruktur noch im Aufbau ist, solange sie aus lokalen Bedürfnissen heraus wächst.
Brasilien vereint Elemente all dieser Geschichten und erzählt dennoch eine ganz eigene. Es geht nicht um Perfektion, sondern um die Balance zwischen Fortschritt und Gerechtigkeit, zwischen globaler Technologie und lokaler Realität. Das Land zeigt, dass KI kein Luxusprodukt der Industrienationen sein muss, sondern ein Werkzeug für Entwicklung, Gerechtigkeit und Identität sein kann.
Was ich aus Brasilien mitnehme, ist vielleicht die ehrlichste Botschaft dieser Reihe. KI ist kein Wettrennen um Supercomputer, sondern eine gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe, Technologie in unserem Alltag zu verankern. Jedes Land, das wir besucht haben, bietet eine andere Antwort auf dieselbe Frage: Wozu ist KI eigentlich gut?
Und vielleicht ist das die Lektion aus Brasilien und all den Orten zuvor. KI wird überall unterschiedlich verstanden, und doch spiegelt sie immer unsere Werte wider. Je mehr wir voneinander lernen, desto klarer wird, dass die Zukunft der KI nicht in einem einzigen Land entschieden wird, sondern in vielen.
KI weltweit ist eine Serie von PANTA. In jeder Ausgabe werfen wir einen genaueren Blick auf ein Land: wie künstliche Intelligenz dort verstanden, gefördert, reguliert und angewendet wird. Wir erzählen Geschichten über Technologie und Gesellschaft, über politische Strategien und praktische Anwendungsfälle. Nicht aus der Vogelperspektive, sondern ganz

Artikel verfasst von
Arian Okhovat Alavian

